Soldaten im Gegenlicht – der Dokumentarfilm „Naza“ inszeniert eine kollektive Anklage gegen Israels Kriegsführung in Gaza

Artists Against Antisemitism Köln

Ein Beitrag von Frank Olbert/AAA-Team Köln

Bei seiner Weltpremiere auf dem Filmfestival in Venedig löste „Naza“ frenetischen, ganze 25 Minuten andauernden Applaus aus. Und er versetzte Kritiker in Wallung. Der Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor sei ein Kandidat für den Goldenen Löwen, hieß es – ein Spezialpreis der Jury wurde am Ende daraus. Die rechte Regierung in Israel brachte die Begeisterung am Lido postwendend in Rage: Kulturminister Zohar forderte, dem israelischen Regieduo die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Ministerpräsident Netanjahu betrachtet „Naza“ als Teil der „antisemitischen Hetze“, die sich weltweit gegen Israel und Juden richte, die dieses Mal aber aus den eigenen Reihen komme. Im Gespräch mit anonym bleibenden Mitgliedern der Einheit 8200, einem geheimdienstlichen Zweig der IDF, fragen Abraham und Szor nach Tötungspraktiken im Gaza-Krieg.

Die Interviewpartner sind allenfalls als Schemen zu erkennen. Sie sitzen im Gegenlicht auf Dachterrassen in Tel Aviv, das mit seinen erleuchteten Fenstern und schimmernden Hochhauskulissen eine ständig präsente, stumme Antwort auf die Gesichtslosigkeit der Sprecher gibt. In „Naza“ geht es nicht um Individuen und Einzelschicksale. Hier wird die Realität eines Krieges inszeniert, der auf israelischer Seite nur digitale Spähtrupps und von Künstlicher Intelligenz unterstützten Tod auf Knopfdruck, und auf palästinensischer Seite nur Massensterben kennt. „Naza“ ist ein anderes Wort für „Kollateralschaden“. Namen interessieren nicht.

Auch die wechselnden Interviewpartner sind im Grunde Glieder eines einzigen Körpers, eines Systems namens IDF. Über die 80 Minuten des Films hinweg sprechen sie wie mit einem Mund und wiederholen in wenig variierter Form, was sie ihrem Militär und der Politik vorzuwerfen haben: dass man für den Tod eines einzigen Hamas-Terroristen die Ermordung unzähliger Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, in Kauf nehme. Dass man die Entscheidung über Leben und Tod der KI überlasse. Dass man ganze Landstriche dem Erdboden gleichmache, während die Soldaten der Einheit 8200 wie bei einem Videospiel bequem vor dem Bildschirm säßen. Das mache sogar Spaß, behauptet einer. Wie viele „Naza“-Opfer dabei getötet wurden, wie viele Häuser er selbst bombardiert habe, will der Interviewer von seinem Gegenüber wissen. Die Antworten bleiben seltsam unbestimmt. Dutzende? Hunderte? Tausende?

Als Gegenreaktion auf die Wut der rechten Regierung Netanjahus haben sich mehr als 1500 israelische Filmschaffende mit Abraham und Szor solidarisiert – angesichts des überzogenen Verhaltens dieser Politiker vielleicht zurecht. Der Film gibt Soldaten eine Stimme, die ihr Gewissen plagt und die dem Krieg in Gaza nicht mehr tatenlos zusehen wollten. Sie verwandeln sich filmisch in Kriegsdienstverweigerer. Und doch ist die Aufregung um „Naza“ wohl in erster Linie als politisches Phänomen in einer Zeit zu verstehen, in der Israel immer tiefer in die Isolation rutscht und der globale Antisemitismus Ausmaße annimmt, die man vor dem 7. Oktober 2023 nicht für möglich gehalten hätte. Als Film jedenfalls zeigt „Naza“ deutliche Schwächen.

Das beginnt schon mit der Anonymität seiner Whistleblower, denen die nächtliche Szenerie hoch über den Straßen von Tel Aviv die konspirative Aura eines Agentendramas verleiht. Was stimmt an ihren Aussagen, was nicht? Was ließe sich konkret nachprüfen, was vielleicht durch weiterführende Belege abstützen? All das bleibt eine Leerstelle im Film, der zwar vorgibt, sich auf journalistische Recherchen des „Guardian“ oder des israelischen aktivistischen Magazins „+972“ zu stützen, selbst aber ganz und gar unjournalistisch bleibt: Keine Gegenstimme wird gehört, keine zweite Meinung eingeholt – eine Kameradrohne umkreist zwar das Hauptquartier der israelischen Armee im Herzen von Tel Aviv, aber angeklopft haben Abraham und Szor dort nicht, um sich die Version der IDF anzuhören. Auch der Begriff „Genozid“ bleibt unwidersprochen.

Stattdessen treibt der Film die Auslöschung des Individuellen ästhetisch weiter, indem er nach dem Vorbild der Einheit 8200 eine Art urbaner Ausspähung betreibt. Immer wieder schaut er in die Panoramen der Fensterfronten in Tel-Avivs Hochhäusern hinein. Deutlich erkennbar sind die Bewohner dahinter nicht, auch sie bleiben Schemen. Aber man erkennt, wie sich da einer auf dem Bett lümmelt, wie ein Kind herumhüpft, eine Frau ins Gebet vertieft ist und allgegenwärtig der Fernsehbildschirm leuchtet. Das Bild einer gleichgültigen, selbstbezogenen, müden Gesellschaft ist es, das sich hier zu einer optischen Anklage formiert: Während in Gaza die Kollateralschäden kein Ende mehr nehmen, befindet sich Israel im kollektiven Feierabend.

Gerechterweise muss man sagen, dass „Naza“ auch die Störungen in diesem Alltag zeigt, einen Alarm etwa, als eine Rakete aus Gaza angeflogen kommt. Doch es bleibt eben dabei: bei einer Störung, einer Irritation, die dem stählernen Stadtkoloss Tel Aviv unter seinem Iron Dome nichts anhaben kann. Zur Episode verzwergt der Film auch den 7. Oktober, der mitunter erwähnt wird, von dem kaum einmal ein Bild gezeigt wird, im Unterschied zu Gaza, in dessen Trümmern ein verzweifelter Vater nach seinen Kindern sucht. Hier geben Abraham und Szor mit einem Mal die eisige Distanz auf, mit der sie die eigenen Landsleute als empathielose Konsumenten einer gnadenlos parteiischen Fernsehberieselung porträtieren. Als der Film zum Finale den Beobachtungsposten der Einheit 8200 verlässt und in den Straßen von Gaza ankommt, lässt er den Emotionen freien Lauf.

Es sind solche Szenen, in denen die kühle Stilisierung von „Naza“ plötzlich Risse bekommt und die propagandistische, zumindest die agitatorische Absicht durchscheint. Geradezu grell wird es, wenn Abraham und Szor die Vergangenheit als Vergleichsgröße heranziehen. Die Gründung von Tel Aviv – ein kolonialer, räuberischer Akt. Der Krieg von 1948 – ein aus dem Gedächtnis getilgtes Vergehen, für das in der Perspektive von Abraham und Szor symbolhaft der Park im Süden der Stadt steht, wo sich einst arabische Grundstücke erstreckten. Nirgends deuten die Filmemacher auch nur an, dass es 1948 die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. So wie es 2023 die Hamas und der Islamische Dschihad waren, die mit ihrem Massaker im Süden des Landes überhaupt erst in Kauf nahmen, dass die erwartbare Gegenwehr auch jene palästinensischen Zivilisten ins Verderben reißen würde, in deren Schutz sich die Terroristen versteckten. Vor allem aber: Nirgends distanzieren sich Abraham und Szor von der Behauptung, dass Gaza heute nichts anderes als eine Wiederholung der Shoah sei, wobei sich die Opfer von einst nun in der Täterrolle befänden. Nicht die Erzählungen von Soldaten im Gegenlicht sind es, die den Film „Naza“ zu einer Waffe im Propagandakrieg machen, denn diesen Worten kann man glauben oder nicht. Vielmehr sind es die Suggestionen der Filmemacher, die Verdrehungen von Geschichte und Gegenwart, die Relativierungen und Verschiebungen, die nicht allein verstörend, sondern gefährlich sind.

Artists Against Antisemitism Köln

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