{"id":2059,"date":"2026-09-30T09:25:22","date_gmt":"2026-09-30T07:25:22","guid":{"rendered":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/?p=2059"},"modified":"2026-09-30T09:26:59","modified_gmt":"2026-09-30T07:26:59","slug":"doku-naza-soldaten-im-gegenlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/doku-naza-soldaten-im-gegenlicht\/","title":{"rendered":"Soldaten im Gegenlicht\u00a0\u2013 der Dokumentarfilm \u201eNaza\u201c inszeniert eine kollektive Anklage gegen Israels Kriegsf\u00fchrung in Gaza"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Ein Beitrag von Frank Olbert\/AAA-Team K\u00f6ln<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei seiner Weltpremiere auf dem Filmfestival in Venedig l\u00f6ste \u201eNaza\u201c frenetischen, ganze 25 Minuten andauernden Applaus aus. Und er versetzte Kritiker in Wallung. Der Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor sei ein Kandidat f\u00fcr den Goldenen L\u00f6wen, hie\u00df es \u2013 ein Spezialpreis der Jury wurde am Ende daraus. Die rechte Regierung in Israel brachte die Begeisterung am Lido postwendend in Rage: Kulturminister Zohar forderte, dem israelischen Regieduo die Staatsb\u00fcrgerschaft zu entziehen. Ministerpr\u00e4sident Netanjahu betrachtet \u201eNaza\u201c als Teil der \u201eantisemitischen Hetze\u201c, die sich weltweit gegen Israel und Juden richte, die dieses Mal aber aus den eigenen Reihen komme. Im Gespr\u00e4ch mit anonym bleibenden Mitgliedern der Einheit 8200, einem geheimdienstlichen Zweig der IDF, fragen Abraham und Szor nach T\u00f6tungspraktiken im Gaza-Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Interviewpartner sind allenfalls als Schemen zu erkennen. Sie sitzen im Gegenlicht auf Dachterrassen in Tel Aviv, das mit seinen erleuchteten Fenstern und schimmernden Hochhauskulissen eine st\u00e4ndig pr\u00e4sente, stumme Antwort auf die Gesichtslosigkeit der Sprecher gibt. In \u201eNaza\u201c geht es nicht um Individuen und Einzelschicksale. Hier wird die Realit\u00e4t eines Krieges inszeniert, der auf israelischer Seite nur digitale Sp\u00e4htrupps und von K\u00fcnstlicher Intelligenz unterst\u00fctzten Tod auf Knopfdruck, und auf pal\u00e4stinensischer Seite nur Massensterben kennt. \u201eNaza\u201c ist ein anderes Wort f\u00fcr \u201eKollateralschaden\u201c. Namen interessieren nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die wechselnden Interviewpartner sind im Grunde Glieder eines einzigen K\u00f6rpers, eines Systems namens IDF. \u00dcber die 80 Minuten des Films hinweg sprechen sie wie mit einem Mund und wiederholen in wenig variierter Form, was sie ihrem Milit\u00e4r und der Politik vorzuwerfen haben: dass man f\u00fcr den Tod eines einzigen Hamas-Terroristen die Ermordung unz\u00e4hliger Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, in Kauf nehme. Dass man die Entscheidung \u00fcber Leben und Tod der KI \u00fcberlasse. Dass man ganze Landstriche dem Erdboden gleichmache, w\u00e4hrend die Soldaten der Einheit 8200 wie bei einem Videospiel bequem vor dem Bildschirm s\u00e4\u00dfen. Das mache sogar Spa\u00df, behauptet einer. Wie viele \u201eNaza\u201c-Opfer dabei get\u00f6tet wurden, wie viele H\u00e4user er selbst bombardiert habe, will der Interviewer von seinem Gegen\u00fcber wissen. Die Antworten bleiben seltsam unbestimmt. Dutzende? Hunderte? Tausende?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Gegenreaktion auf die Wut der rechten Regierung Netanjahus haben sich mehr als 1500 israelische Filmschaffende mit Abraham und Szor solidarisiert \u2013 angesichts des \u00fcberzogenen Verhaltens dieser Politiker vielleicht zurecht. Der Film gibt Soldaten eine Stimme, die ihr Gewissen plagt und die dem Krieg in Gaza nicht mehr tatenlos zusehen wollten. Sie verwandeln sich filmisch in Kriegsdienstverweigerer. Und doch ist die Aufregung um \u201eNaza\u201c wohl in erster Linie als politisches Ph\u00e4nomen in einer Zeit zu verstehen, in der Israel immer tiefer in die Isolation rutscht und der globale Antisemitismus Ausma\u00dfe annimmt, die man vor dem 7. Oktober 2023 nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Als Film jedenfalls zeigt \u201eNaza\u201c deutliche Schw\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das beginnt schon mit der Anonymit\u00e4t seiner Whistleblower, denen die n\u00e4chtliche Szenerie hoch \u00fcber den Stra\u00dfen von Tel Aviv die konspirative Aura eines Agentendramas verleiht. Was stimmt an ihren Aussagen, was nicht? Was lie\u00dfe sich konkret nachpr\u00fcfen, was vielleicht durch weiterf\u00fchrende Belege abst\u00fctzen? All das bleibt eine Leerstelle im Film, der zwar vorgibt, sich auf journalistische Recherchen des \u201eGuardian\u201c oder des israelischen aktivistischen Magazins \u201e+972\u201c zu st\u00fctzen, selbst aber ganz und gar unjournalistisch bleibt: Keine Gegenstimme wird geh\u00f6rt, keine zweite Meinung eingeholt \u2013 eine Kameradrohne umkreist zwar das Hauptquartier der israelischen Armee im Herzen von Tel Aviv, aber angeklopft haben Abraham und Szor dort nicht, um sich die Version der IDF anzuh\u00f6ren. Auch der Begriff \u201eGenozid\u201c bleibt unwidersprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen treibt der Film die Ausl\u00f6schung des Individuellen \u00e4sthetisch weiter, indem er nach dem Vorbild der Einheit 8200 eine Art urbaner Aussp\u00e4hung betreibt. Immer wieder schaut er in die Panoramen der Fensterfronten in Tel-Avivs Hochh\u00e4usern hinein. Deutlich erkennbar sind die Bewohner dahinter nicht, auch sie bleiben Schemen. Aber man erkennt, wie sich da einer auf dem Bett l\u00fcmmelt, wie ein Kind herumh\u00fcpft, eine Frau ins Gebet vertieft ist und allgegenw\u00e4rtig der Fernsehbildschirm leuchtet. Das Bild einer gleichg\u00fcltigen, selbstbezogenen, m\u00fcden Gesellschaft ist es, das sich hier zu einer optischen Anklage formiert: W\u00e4hrend in Gaza die Kollateralsch\u00e4den kein Ende mehr nehmen, befindet sich Israel im kollektiven Feierabend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerechterweise muss man sagen, dass \u201eNaza\u201c auch die St\u00f6rungen in diesem Alltag zeigt, einen Alarm etwa, als eine Rakete aus Gaza angeflogen kommt. Doch es bleibt eben dabei: bei einer St\u00f6rung, einer Irritation, die dem st\u00e4hlernen Stadtkoloss Tel Aviv unter seinem Iron Dome nichts anhaben kann. Zur Episode verzwergt der Film auch den 7. Oktober, der mitunter erw\u00e4hnt wird, von dem kaum einmal ein Bild gezeigt wird, im Unterschied zu Gaza, in dessen Tr\u00fcmmern ein verzweifelter Vater nach seinen Kindern sucht. Hier geben Abraham und Szor mit einem Mal die eisige Distanz auf, mit der sie die eigenen Landsleute als empathielose Konsumenten einer gnadenlos parteiischen Fernsehberieselung portr\u00e4tieren. Als der Film zum Finale den Beobachtungsposten der Einheit 8200 verl\u00e4sst und in den Stra\u00dfen von Gaza ankommt, l\u00e4sst er den Emotionen freien Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind solche Szenen, in denen die k\u00fchle Stilisierung von \u201eNaza\u201c pl\u00f6tzlich Risse bekommt und die propagandistische, zumindest die agitatorische Absicht durchscheint. Geradezu grell wird es, wenn Abraham und Szor die Vergangenheit als Vergleichsgr\u00f6\u00dfe heranziehen. Die Gr\u00fcndung von Tel Aviv \u2013 ein kolonialer, r\u00e4uberischer Akt. Der Krieg von 1948 \u2013 ein aus dem Ged\u00e4chtnis getilgtes Vergehen, f\u00fcr das in der Perspektive von Abraham und Szor symbolhaft der Park im S\u00fcden der Stadt steht, wo sich einst arabische Grundst\u00fccke erstreckten. Nirgends deuten die Filmemacher auch nur an, dass es 1948 die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. So wie es 2023 die Hamas und der Islamische Dschihad waren, die mit ihrem Massaker im S\u00fcden des Landes \u00fcberhaupt erst in Kauf nahmen, dass die erwartbare Gegenwehr auch jene pal\u00e4stinensischen Zivilisten ins Verderben rei\u00dfen w\u00fcrde, in deren Schutz sich die Terroristen versteckten. Vor allem aber: Nirgends distanzieren sich Abraham und Szor von der Behauptung, dass Gaza heute nichts anderes als eine Wiederholung der Shoah sei, wobei sich die Opfer von einst nun in der T\u00e4terrolle bef\u00e4nden. Nicht die Erz\u00e4hlungen von Soldaten im Gegenlicht sind es, die den Film \u201eNaza\u201c zu einer Waffe im Propagandakrieg machen, denn diesen Worten kann man glauben oder nicht. Vielmehr sind es die Suggestionen der Filmemacher, die Verdrehungen von Geschichte und Gegenwart, die Relativierungen und Verschiebungen, die nicht allein verst\u00f6rend, sondern gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/artistsagainstantisemitism_cgn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Artists Against Antisemitism K\u00f6ln<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefeiert in Venedig, attackiert von Israels Regierung: Warum der Dokumentarfilm \u201eNaza&#8220; vor allem als politisches Ph\u00e4nomen funktioniert \u2013 und als Film scheitert.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":2061,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[33],"tags":[],"class_list":["post-2059","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-koeln"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2059"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2062,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059\/revisions\/2062"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2061"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artistsagainstantisemitism.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}